Soziale Netzwerke wie Facebook haben in unserer heutigen Zeit unglaubliche Macht. Das haben wir nicht erst mit dem „Arabischen Frühling“ oder der letzten US Präsidentschaftswahl gesehen. Netzwerke können Systeme ändern und Hierarchien stürzen. Dem Zusammenspiel und Gegensatz von Netzwerken und Hierarchien widmet sich der schottische Historiker Niall Ferguson in seinem Buch „The square and the tower. networks, hierachies and the struggle for global power“.

Die Geschichtswissenschaft hat, so argumentiert Ferguson zu Recht, viel zu lange eine Geschichte der Hierarchien erzählt. Sie erzählte die Entwicklung viel zu oft von der Position der Mächtigen ganz oben in der Hierarchie und vernachlässigt die Netzwerke. Als sehr einprägendes Bild wählt er daher den Titel „The square and the tower“, womit er den Piazza del Campo im toskanischen Siena und den dort stehenden Torre del Mangia meint. Im Torre del Mangia regierten die Mächtigen, während auf dem Piazza del Campo das Volk seine Netzwerke sponn.

So nimmt er den Leser mit auf eine spannende Reise von der Zeit der Aufkärung bis in die Gegenwart und zeigt deutlich, wie wichtig Netzwerke schon immer in der Geschichte waren. Er macht deutlich, dass Netzwerke schon immer ein Mittel waren, um neue Ideen in Windeseile zu verbreiten, macht aber auch immer die Wechselwirkung von Hierarchien und Netzwerken deutlich.

Spannend ist zum Beispiel die Geschichte vom Versuch der Deutschen im Ersten Weltkrieg einen Dschihad in den muslimischen Bevölkerungen der von Briten und Franzosen regierten Staaten im Orient auszulösen. Man versuchte die Netzwerke zu beeinflussen mit mit der Ansprache der wichtigen Knotenpunkte der Netzwerke, gewissermaßen der Influencer. Aber die Deutschen scheiterten damals krachend, weil sie Stimmung der Menschen und den Aufbau der Gesellschaft falsch verstanden. Falsch auch verstehen mussten, weil sie mit den Osmanen als wichtigem Bündnispartner gewissen Zwängen unterworfen waren. Die Franzosen und Briten selbst verstanden es viel geschickter, die Netzwerke in der islamischen Welt für ihre Zwecke zu nutzen. Sie erkannten, dass nicht der Glaube das Element ist, was die Netzwerke zum Aufstehen veranlassen könnte, sondern der Nationalismus in den Überbleibseln des Osmanischen Reichs. So konnten sie den deutschen Bündnispartner massiv schwächen.

Die Macht von Netzwerken stellt Ferguson eindrucksvoll am Beispiel von George Soros dar, der zusammen mit seinem Netzwerk gegen die Bank von England wettete und ihr damit einen gewaltigen Verlust hinzufügte. Soros selbst forderte dann von Europa sich zu einem stärkeren finanziellen Netzwerk mit einer Währung zusammen zu schließen, um solche von ihm aufgezeigten Schwächen zu beseitigen.

Spannend und beängstigend ist auch zu lesen, wie heutige Terrornetzwerke unsere vernetzte Welt nutzen und ihre eigene Netzwerkstruktur verändern. Während Al Quaida eine noch relativ schwach vernetzte Struktur war, ist es beim Islamischen Staat anders. Nach 9/11 gab es relativ wenige Terroranschläge von Al Quaida. Der Tod Osama bin Ladens hat offenkundig die Operationsfähigkeit dieser Organisation massiv eingeschränkt. Sie war noch relativ hierarchisch aufgebaut. Anders aber ist es beim IS. Hier existieren ganz unterschiedliche Netzwerke, die auch ohne einen großen Führer operationsfähig sind. Hier ist von mehrere Netzwerken auszugehen, die aber auch zusammen arbeiten.

Fergusons Buch ist ein guter Beitrag um heutige Welt durch die Analyse der Vergangenheit besser zu verstehen. Es ist das, was man sich viel häufiger aus dem Elfenbeinturm der Geschichtswissenschaft wünscht. Angewandte Geschichtswissenschaft par excellence.

 

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