Als im Jahr 69 nach Christus der Tempel von Jerusalem von römischen Soldaten zerstört wurde, war dies eine einschneidende Zäsur in der jüdischen Geschichte. Aber war die Zerstörung des Tempels Zufall oder geschah seine Zerstörung aus Absicht?

Jerusalem im Jahr 2018. Die Klagemauer ist nicht nur ein beliebter Ort für das Gebet, sondern auch eine Touristenattraktion. Sie ist der Überrest des Tempels, der einst der Hauptpilgerort des jüdischen Volkes war. Was die Kaba von Mekka für die Muslime, oder der Vatikan für die Katholiken, war der Tempel von Jerusalem für die Juden. Doch als Höhepunkt des jüdischen Krieges wurde dieser von den Römern zerstört. Über die Absichtlichkeit dieser Zerstörung streitet die Forschung.

1. Verschiedene Aussagen über die Absicht der Zerstörung

Denn es gibt zwei Autoren aus antiker Zeit, die über die Zerstörung berichten und sie berichten verschiedenes über die angeblich entscheidende Sitzung des Kriegsrats vor der Eroberung des Tempels.

  • Der römische Historiker Tacitus berichtet in einem Epitome, das von dem Kirchengelehrten Sulspicius Severus überliefert wird, das Titus im Kriegsrat die Absicht bekundet hätte, den Tempel zu zerstören.
  • Der jüdische General Flavius Josephus jedoch, der während der Schlacht von Iotapata in die Gefangenschaft der Römer geriet und dann Karriere als Hofschreiberling der Flavierkaiser machte, schrieb über Titus:

„Es lag ihm nämlich sehr viel daran, für sich selbst die Stadt und für diese den Tempel zu retten.“ Flavius Josephus, Geschichte des judäischen Krieges, V,8,1

Es ist also aus der schriftlichen Überlieferung allein, sehr schwer zu ermitteln, ob die Zerstörung des Tempels Zufall oder Absicht war. Denn die jeweiligen Autoren mögen verschiedene Beweggründe gehabt haben, warum sie Titus zu der einen oder anderen Entscheidung tendieren ließen.

Josephus schrieb für die Flavier, die neuen Kaiser Roms. Er hatte also gute Gründe Titus als gutmütigen, wohlwollenden Feldherrn darzustellen. Tacitus hingegen hat in den Historien selbst einen Judenexkurs geschrieben, der deutlich macht, dass er – sagen wir- gewisse Abneigungen gegen das jüdische Volk hatte. Eine Zerstörung des Tempels war also vielleicht auch in seinem Interesse. Auch ist es nicht auszuschließen, dass Sulpicus Severus auf Grund seines Glaubens Titus für die Zerstörung des Tempels verantwortlich machen wollte, um die Römer negativ darzustellen.

Fehlende Bestrafung als Beweis der Absicht der Zerstörung

In der Forschung gibt es seitens des Historikers Ingomar Weiler die These, das Titus aus Absicht gehandelt hat, weil er ansonsten seine Soldaten für die seinem Befehl zuwiderhandelnde Zerstörung des Tempels hätte bestrafen müssen.

Dieser ziemlich wackeligen These sind zwei Argumente entgegenzuhalten:
Erstens würde wohl kaum ein Feldherr nach dem Sieg über einen langen bekämpften Gegner seine eigenen Truppen bestrafen, wenn er keine Meuterei heraufbeschwören will.
Zweitens übersieht Weiler auch die Unwägbarkeiten militärischer Auseinandersetzungen. Der israelische Historiker Martin van Creveld berichtet in seinem Buch „Command in War“, dass selbst für Napoleon unmöglich war, das Kampfgeschehen zu beeinflussen, der Kampf also eine Eigendynamik entwickelt, die dann nicht mehr steuerbar ist.

Bedenkt man hierbei, dass es bei der Eroberung des Tempels um antiken Counterinsurgency Warfare handelte, also um einen Krieg, in dem es für die römischen Soldaten unmöglich war, in ihren gewohnten Formationen zu kämpfen, verdeutlicht das das Problem der Eroberung des Tempels noch mehr. Selbst wenn es die Absicht von Titus gewesen wäre, den Tempel zu erhalten, so ist seine Zerstörung letztlich eventuell auch eine Art Kollateralschaden, der dann einfach so passiert ist, ohne das er beabsichtigt war.

Die Situation im Imperium während des jüdischen Krieges

Die Situation im römischen Imperium und das Verhalten der Römer gegenüber den Juden nach der Zerstörung des Tempels lässt uns viel klarer prognostizieren, ob es sich bei der Zerstörung des Tempels um Absicht gehandelt hat.

Der Judenexkurs des Tacitus

Das römische Imperium war zur Zeit des jüdischen Krieges in einer tiefen Krise. Nicht nur die Judäer standen gegen die Besatzung der Römer auf. Auch in den germanischen Provinzen erhoben sich Völker gegen Rom. Innenpolitisch war das Krisenjahr 69 nach Christus durch den Wechsel von vier Kaisern gekennzeichnet. Auf Galba, Vitellius und Otho wurde Vespasian von seinen Truppen in Palästina zum Kaiser aufgerufen. Hatte Vespasian noch in der Anfangszeit des jüdischen Krieges die Fäden selbst in der Hand, überließ er die endgültige Eroberung Jerusalems seinem Sohn Titus.

Ruhe zurück ins Imperium bringen

Das römische Reich war gekennzeichnet von einer großen Offenheit, was die Religionen der fremden Völker anbelangte, die in das Imperium integriert wurden. Die Juden hatten durch ihr religiöses Zentrum Jerusalem trotzdem eine Sonderstellung inne. Sie zahlten sogar Steuern nach Jerusalem. Doch die bereits gezeigte Krise in der das römische Imperium steckte, ließ für Vespasian wenig Raum. Er musste aus seiner Sicht entscheidende Schritte unternehmen, um für eine Beruhigung der Lage zu sorgen.

Es scheint, als sei ihm dabei besonders der Sonderstatus der Juden ein Dorn im Auge gewesen. Denn mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem, wurde auch der Zahlungsstrom der Steuern umgeleitet. Vespasian führte in Rom den Fiscus Judaicus ein, eine Steuern die alle Juden an Rom zu zahlen hatten. Damit beendete er nicht nur die Sonderstellung der Juden im Imperium, er strafte sie sogar sichtbar. Trotzdem schien es ihm nicht darum zu gehen, die Glaubensausübung der Juden einzuschränken. So wurde zeitgleich mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem auch andere Tempel im Orient, in Ägypten, geschlossen- aber nicht zerstört. Wenig später wurden die Tempel auch wieder geöffnet.

Vespasian ließ anlässlich seines Sieges über die Judäer Münzen mit der Aufschrift: "Judea Capta" Quelle: .http://www.cngcoins.com
Vespasian ließ anlässlich seines Sieges über die Judäer Münzen mit der Aufschrift: „Judea Capta“ (Judäa ist gefallen) prägen. Quelle: .http://www.cngcoins.com

Der auf dem Titusbogen dargestellte Triumphzug mit den Schätzen aus dem Tempel von Jerusalem beweist für mich keine Absicht der Zerstörung des Tempels. Es hatte im römischen Imperium Tradition dem Volk die Beute des Feldzugs auf einem Triumphzug  vorzuführen. Vespasian und Titus waren hier nicht die ersten. Die Demütigung des Gegners gehörte einfach dazu. Es war vielmehr ein notwendiger Beweis für die Stärke der Flavier, die ja in der Tat wenigstens durch Vespasian eine Zeit der Ruhe und Prosperität in Rom begründeten.

Wie ich gezeigt habe, lässt sich nicht klar sagen, ob die Zerstörung des Tempels von Jerusalem Absicht oder Zufall war. Die Zerstörung des Tempels brachte definitiv viele Vorteile für die Herrschaft der Flavier. Vielleicht hätte man den Tempel aber auch nur vorübergehend geschlossen, wenn er nicht – zufällig oder nicht- beim Kampf zerstört worden wäre. Eine definitive Antwort erhalten wir hier also nicht.

Zusammenfassung:

  • Das römische Imperium befand sich zum Zeitpunkt der Zerstörung des Tempels in einer schweren inneren Krise.
  • In mehreren Bereichen des Reichs (Germania, Judäa) herrschten Aufstände.
  • Vier Kaiser folgten aufeinander.
  • Juden hatten immer Sonderstatus im römischen Reich bis zur Zerstörung des Tempels. Jerusalem war ihr religöses Zentrum, hierhin bezahlten sie Steuern.
  • Zerstörung des Tempels könnte dazu gedient haben, den Sonderstatus zu beenden un Stabilität in das Reich zu bringen.
  • Nach der Tempelzerstörung wurde Fiscus Judaicus (Steuern für Juden) in Rom eingeführt.
  • Vielleicht war Zerstörung des Tempels aber auch nur ein Kollateralschaden des Krieges. Denn andere jüdische Tempel blieben zeitweise geschlossen, wurden aber nicht zerstört.

>> Vielleicht auch interessant: Die Gründung Roms- Mythos oder Realität

Literaturempfehlungen:

Leoni, Tomasso: Against Cesars Wishes (Gratis Online Download)
Goodman: Rome and Jerusalem. Clash of civilizations
Creveld, Martin: Command in war
Josephus, Flavius: Geschichte des Judäischen Krieges

2 Antworten

  1. […] >>>Vielleicht auch interessant: Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem: Zufall oder Absicht? […]

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