Rezension: Der Weg in die Unfreiheit. Russland. Europa. Amerika. von Timothy Snyder
Ursprünge des Populismus zu erklären, der in den USA und Europa auf dem Vormarsch ist, ist das Ziel des mitreißenden neuen Buchs des an der Universität von Yale lehrenden Historikers, Timothy Snyder.
Der erstaunte Leser liest hier vielleicht zum ersten mal von dem faschistischen(!) Philosophen Ivan Ilyin (1883- 1954), der die aktuelle Politik Russlands mit seiner Dogmatik bestimmt. Russland ist für Ilyin ein Land mit einer unschuldigen Geschichte. Kommunismus wird von ihm als ein Übel beschrieben, dass aus dem Westen über Russland gekommen sei. Ihm zu Folge braucht Russland einen fast gottgleichen Erlöser, der das Land anführt. Diese Ideologie passt der Führung Russlands sehr gut ins Konzept.
Denn damit lässt sich der Status quo als richtig darstellen und eine Veränderung ist nicht notwendig. Russland, erklärt Snyder, ist eine Kleptokratie ohne eine vernünftige Nachfolgeregelung der Regierung. Die Schwächen des Landes, der Unterschied zwischen Arm und Reich, die Korruption sind einfach zu groß, können und wollen vor allem nicht beseitigt werden.
Daher braucht Russland, Timoty Snyder zu Folge, eine Politik der Unvermeidbarkeit, die letztlich zu einer Politik der Ewigkeit führt. Diese beiden Konzepte leitet Snyder aus der Ideologie Ilyins ab.
Die Politik der Unvermeidbarkeit bedeutet, dass an die Menschen in einer Realität leben lässt, in der die Zukunft wie eine Wiederholung des Hier und Jetzt erscheint. Es gibt keine Entwicklung, keine Veränderung und nichts scheint veränderbar. Man selbst kann nichts verändern am Lauf der Dinge.
Die Politik der Unvermeidbarkeit führt zwangsläufig zur Politik der Ewigkeit. Wenn die Dinge nicht mehr veränderbar sind, spielt Demokratie keine Rolle mehr, und man akzeptiert, dass ein Oligarch die Macht übernimmt, erfindet mit Hilfe von Faschismus eine Geschichte der Unschuld und bietet scheinbaren Schutz durch einfache Ideen.
Doch es gibt auch eine Opposition in Russland, die diese Missstände anprangert und nach einem Leben wie im Westen strebt. Das passt der russischen Regierung gar nicht, sodass sie die Politik der Unvermeidbarkeit und die Politik der Ewigkeit auch in den Westen, nach Europa und die USA zu exportieren versucht. Hier versuchen die Russen mit Hilfe von Chatbots und Fake News die Gesellschaften zu spalten und zum Beispiel die EU zu zerstören.
Natürlich wissen wir von den Chatbots im amerikanischen Wahkampf, oder in der Abstimmung um den Brexit. Aber welchem Ziel das alles dient, war wahrscheinlich den wenigsten klar. Auch ist es erschreckend zu lesen, wie Faschisten, die hinter diesem Informationskrieg stehen, ihr Handwerk verstehen.
Der Krieg der Desinformation
Snyder zeigt auf, wie Russland die Ukraine angreift, ja selbst vom eigenen Territorium Artillerie auf ukrainisches Territorium feuern lässt, ohne das sie einen Gegenangriff fürchten müssten. Denn die Propaganda sagt, dass russische Truppen sich gar nicht in der Ukraine befinden und natürlich auch der Artilleriebeschuss gar nicht stattfindet.
Der Historiker führt an, wie der Abschuss der Malaysian Airways Maschine MH17 durch die russische Armee, durch gezielte Streuen von fiktionalen Gegendarstellungen, zu einem Abschuss durch die Ukraine oder gar einen Mordanschlag durch den damaligen polnischen Ministerpräsidenten Tusk gemacht wird.
Neben die wahre Geschichte, werden auf verschiedene Medien, verschiedene Parallelerzählungen gesetzt. Die in der Regel zwar leicht zu widerlegen sind, aber darauf wird dann auch nicht eingegangen. Es werden gezielt Informationen gestreut, bis der einzelne Mensch nicht mehr weiß, was und vor alle wem er glauben soll. Fakten und Fiktionen verschwimmen.
Snyder zeigt dies auch am Beispiel des Mädchens Lisa aus Berlin, dass Opfer einer Massenvergewaltigung geworden sein soll. Alles nur Fake, wie sich schnell herausstellte. Aber selbst der russische Verteidigungsminister, Sergej Lavrow, ließ sich für die Lüge einspannen und prangerte das Verbrechen im Fernsehen an und verlieh ihr damit Glaubwürdigkeit.
Der Historiker macht klar, warum die russische Taktik auch in den USA so gut funktioniert: Die Gesellschaft ist ähnlich gespalten wie in Russland, die Schere zwischen arm und reich extrem groß, die Abhängigkeit durch Opiate nimmt im angehängten Teil der Gesellschaft immer mehr zu. Die Politik der Ewigkeit verfängt hier hervorragend. Es gibt eine relativ große ärmere Bevölkerungsschicht und eine Oligarchie aus der Trump zum Präsidenten gewählt wurde.
Auch in den USA versucht die neue Rechte mit russischer Hilfe den Mythos von der unschuldigen amerikanischen Geschichte zu etablieren. „America first“ lautet das Motto der Trump Präsidentschaft und rekurriert damit auf eine Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, als die Politik die USA außenpolitisch beschränken wollte und die USA noch weit entfernt war, die international vernetzte Weltpolizei zu sein, als die sie sich außenpolitisch vor Trump gerne ausgab. Zum zweiten bezieht es sich auf eine Politik, die sich gegen einen weiter ausufernden Wohlfahrtsstaat richtete.
Snyder legt in seinem Buch fundiert dar, welche Schwächen der westlichen Gesellschaft, der russischen Desinformationspropaganda immer wieder zur Hilfe kommen. Sein Buch macht uns klar, wie wichtig es ist, die Informationen, die wir heute von allen Seiten erhalten, kritisch zu bewerten und uns Gedanken zu machen, wo diese eigentlich herkommen und mit welcher Intention sie verbreitet werden.
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The Road to Unfreedom: Russia, Europe, America by Timothy Snyder
My rating: 5 of 5 stars
Timothy Snyders book „The road to Unfreedom“ is a very important book. It gave me the opportunity to deeply understand what happens in our societies at the moment. We always knew what Russia is doing with it’s chatbots in a war of desinformation. But we didn’t know precisely why they are doing it. The roots of the tactics of far right politicians lie in fascist ideology. To explain that very lucid is the achievement of Snyder. I highly recommend to read it.
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