Der britische Historiker Peter Frankopan hat mit „Kriegspilger. Der erste Kreuzzug“ (Rohwolt, Berlin 2017) eine neue Geschichte des ersten Kreuzzugs geschrieben. Eine Geschichte aus einem anderen Blickwinkel.
Für die westliche Geschichtsschreibung ist die Rede Papst Urbans II. im Jahre 1095 im französischen Clermont der Auslöser für den Ersten Kreuzzug. Frankopan bricht jedoch mit dieser Vorstellung. Denn er macht den Kaiser von Byzanz Alexios Komnenos zu demjenigen, der der tatsächliche Anstifter zum Kreuzzugs war und stellt Alexios in den Mittelpunkt seiner Studie über den Ersten Kreuzzug.
Byzanz vor dem Zusammenbruch
Kaiser Alexios stand in Byzanz nämlich vor einem großen Problem: Sein Reich wurde von allen Seiten angegriffen, ja die Stabilität und er Bestand des ganzen byzantinischen Kaiserreichs stand auf dem Spiel. Geschickt verstand er es, mit Hinweis auf die Gräueltaten an christlichen Kirchen und den Christen in Byzanz selbst, im Westen für die Kreuzzugsidee zu werben und konnte so auch Kaiser Urban II. begeistern. So dauerte es nicht lange bis ein gewaltiges Heer erfahrener europäischer Krieger sich auf den Weg in den Orient machte, wo die meisten der Anführer des Kreuzzugs Alexios II. die Treue schworen. Der Autor erzählt auch die Geschichte des „Volkskreuzzugs“. Von vielen Zivilisten, die angestachelt von dem Aufruf des Kreuzzugs zum Unbill von Alexios und Urban II. , die nur erfahrende Krieger in den Orient schicken wollten, marodierend in den Orient zogen, um dort völlig unvorbereitet von türkischen Kriegern niedergemetzelt zu werden.
Frankopan schafft es auf seinem gut dreihundert Seiten dünnen Buch glänzend, die Schwierigkeiten des Kreuzzugsunterfangens darzustellen. So habe Alexios beispielsweise zwar zu dem Kreuzzug aufgerufen. Selber konnte er diesen aber nicht anführen, weil er in Byzanz bleiben musste, um dort für Stabilität zu sorgen. Daraus sei Missmut unter den Anführern der Kreuzfahrerschaft entstanden. Denn diese fragten sich, wozu sie für Alexios sein Leben riskierten, während er in sicherer Entfernung zusah. Zugleich habe Alexios Abwesenheit ein Machtvakuum unter den Kreuzfahrern bewirkt, das verschiedene Akteure zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen versuchten. Die Rolle Alexios wird daher, so macht Peter Frankopan klar, in der westlichen Geschichtsschreibung sehr negativ bewertet. Der Autor zeigt überzeugend, das dies ein Ergebnis der westlichen Überlieferung ist, die stets Partei für die Kreuzfahrer ergriff und Alexios daher in einem umso negativeren Licht erscheinen lasse musste.
Eindrucksvoll und doch sehr gebündelt beschreibt der Autor die Kriegshandlungen auf den einzelnen Stationen des Kreuzfahrerheers.
Von Nicäa geht es über Antiocha bis Jerusalem und knapp ein Viertel des einstmals 80.000 Mann umfassenden Kreuzfahrerheers kommt vor den Toren Jerusalems an. Bei den Kämpfen auf dem Weg dorthin schlagen sich die Kreuzritter wacker und stehen ihren türkischen Gegnern in Sachen Brutalität in nichts nach.
Alexios Komnenos ist der eigentliche Gewinner des Kreuzzugs
Nach der Einnahme von Jerusalem, so zeigt Frankopan, hätten die Kreuzzügler versucht das Gebiet zu stabilisieren. Aber dies sei immer schwierig geblieben auch durch die schwierige logistische Versorgung über das Mittelmeer. Alexios hingegen habe den Kreuzzug als einen erstaunlichen Erfolg verbuchen können. Nicäa sei beispielsweise wieder ins Reich eingegliedert worden und die Lage sei sehr stabil gewesen. Peter Frankopan gelingt ein inhaltlich extrem dichtes, sehr flüssig geschriebenes Buch, das außerdem noch mit farbiger Bebilderung, Karten und umfangreicher weiterführender Literatur zu jedem der 12 Kapitel aufwartet. Klare Leseempfehlung!
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