Rezension: William Dalrymples „The Anarchy. The relentless rise of the East India Company.

Facebook, Google, Goldman Sachs : Es sind große Firmen, die in unserer heutigen Zeit unser Leben dominieren. William Dalrymple hat eine Geschichte über das erste Unternehmen der Menschheit geschrieben, das ähnlich dominant und „too big to fail“ war: Die britische Ostindische Kompanie.

Im späten 18. Jahrhundert waren alle europäischen Nationen darum bestrebt, Handel zu betreiben und ihre außereuropäischen Besitzungen auszubauen- so auch die Briten. Sie gründeten ihr Pondent zur holländischen ostindischen Kompanie in einem kleinen Büro in London. Auch das Geschäft das man in Indien mit dem Handel mit Tee und anderen Produkten aufzunehmen begann, lief eher zögerlich an. Die Macht der Kompanie war beschränkt und die indischen Herrscher waren skeptisch gegenüber den britischen Neuankömmlingen.

Doch William Dalrymple zeigt sehr anschaulich, wie sich die Bedingungen für die Briten zu ändern begannen. Das große indische Mogulenreich wankte, weil äußere Mächte es bedrohten und auch im Inneren Fürsten aufbegehrten. Es dauerte nicht lange und das Reich wankte nicht nur, es zerfiel. Was daraus entstand gab Dalrymple’s Buch den Namen: Anarchie.

Plötzlich konnte die Kompanie ihr Militär ausbauen, damit Gebiete erobern und ihnen zugeneigten Fürsten bei ihren Unternehmungen behilflich sein. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, führten zur Aufnahme eines indischen Wortes in den Wortschatz der Briten: loot- was heute mit plündern übersetzt wurde. Denn das war was die Ostindische Kompanie tat. Das Land und die Menschen auspressen, so gut es ging und dabei nur am eigenen Profit orientiert sein. Dies fand 1770 in der großen Dürrekatastrophe ihren Höhepunkt: Denn die Dürre führte in Indien zu vielen Toten. 1,2 Millionen Menschen sollen dabei gestorben sein. Aber viel Leid hätte verhindert werden können, wenn da nicht die Ostindische Kompanie gewesen wäre, die anstatt ihre vollen Reislager zum größten Teil zu zu lassen, mit der hungernden Bevölkerung geteilt hätte.

Too big to fail

Die Dürrekrise in Indien führte auch für die Ostindische Kompanie trotz der Gier von Leuten wie dem erst jüngst durch die Proteste gegen Rassismus ins Gespräch gekommene Robert Clive ins Desaster. Die Gewinne sprudelten nicht mehr. Im Gegenteil: Die Schuldenberge nahmen gewaltige Ausmaße an und man kam dabei nicht drumherum, bei der britischen Regierung um Hilfe zu ersuchen. Dalrymple macht hier sehr gut deutlich, wie die Dürre zu einem Wendepunkt für die Kompanie wurde. Die Regierung konnte dieses Unternehmen nicht mehr weiter machen lassen, sie musste eingreifen. Die Kompanie war zu groß geworden, eine Insolvenz würde durch die engen Verflechtungen zwischen Kompanie und britischem Staat auch zu einer Krise des Staats führen. Daher musste man sie retten. Dies wurde aber nicht zum Ende der Ostindischen Kompanie, sondern zum Beginn des endgültigen Siegeszugs in Indien, der sogar den ewigen Rivalen Frankreich aus dem Rennen warf und zur einer über hundertjährigen indirekten Herrschaft über die größten Teile Indiens durch die Ostindische Kompanie führte.

Game of Thrones in Indien

Die Schilderungen des Machtausbaus der Ostindischen Kompanie wechseln sich in Dalrymples Buch ab mit den Erzählungen um den Machtkampf um die Nachfolge des Großmoguln. In der Anarchie streiten verschiedene ausländische und inländische Fürsten um die Krone. Ein Machtkampf der in Sachen Spannung und Brutalität gut mit dem Filmepos „Game of Thrones“ mithalten kann. Was wohl der Grund dafür ist, das Dalrymples Buch jetzt tatsächlich auch als Grundlage einer indischen Serie dienen soll. Gute Fürsten, wie der einstige Großmogul Sha Alam kämpfen hier gegen grausame Gestalten, wie Ghulam Quadir, dessen Grausamkeit gegenüber dem Hofstaat Shah Alams ihm später Stück für Stück zurückbezahlt werden sollte.

Die andere Seite der Kolonialgeschichte

Anders als in Deutschland, wo man gegenüber der kurzen und gleichfalls grausamen Kolonialgeschichte sehr kritisch gegenübersteht, wird in Großbritannien die Zeit des britischen Imperiums immer noch gerne mit der rosa Brille betrachtet. William Dalrymple gelingt es mit seinem Buch „The Anarchy“ glänzend ein neues, deutlich kritischeres Licht auf diese Geschichte zu lenken.

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