Rezension zu Christophs Nonns kurzweiliger Geschichte des Deutschen Kaiserreichs.
18. Januar 1871: Dicht drängen sich die Menschen im Spiegelsaal von Versailles. Seltsam unorgansiert wirkt die ganze Veranstaltung und alles andere als festlich. Bismarcks Rede nicht eben motiviert. So erlebt der Maler Anton von Werner, der die berühmten Bilder der Kaiserproklamation malte, die Proklamation Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles. Hoch interessant ist es diesen Event mit den Augen von Werners mitzuerleben. Denn es zeigt, wie weit das frisch gegründete Kaiserreich davon entfernt war, eine Nation zu sein. Interessant ist auch, wie sich das Bild der Kaiserproklamation im Laufe der verschiedenen Versionen von Anton von Werners Bildern der Kaisergründung verändert und welche unterschiedliche Wahrnehmung des Gründungsakts damit verbunden ist.
12 Aspekte des Kaiserreichs aus der Sicht von 12 Personen
Im Laufe seines Buches zeigt Christoph Nonn in 12 Kapiteln verschiedene Facetten des Kaiserreichs. Das besondere an seinem Ansatz ist, dass er jedes Kapitel aus der Sicht von bekannten und unbekannten Personen und besonderen Ereignissen aus dem Kaiserreich beschreibt und dann von der persönlichen Geschichte aus die Nationalgeschichte beschreibt. Dabei referiert er nicht nur altbekanntes, sondern räumt auch mit alten Mythen auf. Den Militarismus beispielweise, den die Geschichtswissenschaft lange für eines der Grundübel des „deutschen Sonderweges“ gehalten hat, hat es so wie er früher von Historikern beschrieben worde, in Deutschland offenbar nicht gegeben. Insgesamt wird das verstaubte Bild das vom Kaiserreich in der heutigen Öffentlichkeit herrscht ordentlich durchgerüttelt und auf den neusten Stand der Forschung gebracht.
Nonn erzählt die Geschichte eines modernen Kaisserreichs, dass innerhalb von 50 Jahren eine rasante Entwicklung durchmachte. Dies war nach Nonn ein Staat in dem eine lebendige Öffentlichkeit und eine freie Presse sich austauschten und das Parlamentsgeschehen höchste Aufmerksamkeit erhielt. Kaiser Wilhelm, den Nonn wie alle anderen Monarchen seiner Zeit, als „tennispielenden Taugenichts“ beschreibt, musste sich harte Kritik seitens der Presse während der Daily Telegraph Affäre gefallen lassen. Der Parlamentarismus erstarkt und die Monarchie wird immer mehr nur noch repräsentativ, Home Stories des Kaisers kommen in der Regenbogenpresse gut an.
Der biographische Ansatz gefällt sehr gut. Denn so nimmt der Autor den Leser mit in die unmittelbare Lebenswelt der Menschen von damals. Man taucht ein in eine Zeit, in der der Glaube eine große Rolle spielte für die Menschen. Antisemitische Ressentiments waren präsent in der Gesellschaft, aber der Staat schützte alle seine Bürger, gleich welchen Glaubens sie waren. Man erlebt wie eine starke Frau, wie Julie Bebel, das Geschäft Ihres Mannes verwaltet, während er auf Reisen, oder wie nicht selten, mal wieder auf Grund der Sozialistengesetze im Gefängnis sitzt. Nonn blickt auch in die politisch zweite Reihe und zeigt, wie politisch und historisch eher weniger bekannte Personen, wie der Bürokrat Lohmann oder der spätere Marineadmiral Tirpitz die Politik des Kaiserreichs durch Ihr Engagement beeinflussten.
Jeder der sich für das Deutsche Kaiserreich interessiert, wird dieses Buch lieben.
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