Einer der Helden des ukrainischen Nationalismus ist Stepan Bandera. Dieser gilt als Faschist, der an NS Kriegsverbrechen beteiligt war. Medien im Westen kritisieren die Verehrung dieses ukrainischen Nationalhelden. Zu Recht?

Der französische Historiker Ernest Renan hat mal gesagt: “Es macht jedoch das Wesen einer Nation aus, daß alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, daß sie viele Dinge vergessen haben.” Dieser Satz ist wahr für alle Nationen. Um das viele zu vergessen, braucht es auch gemeinsame Erinnerungen,die verbinden. Das sind gerne Kriege, oder besondere Ereignisse, aber auch Personen, in denen sich die nationale Erinnerung kristallisiert. Bei Personen sind dabei nicht zwingend ihre Taten ausschlaggebend, sondern die Vorstellung, die die Nation mit ihr verknüpft.

In Deutschland zum Beispiel sind die Männer und Frauen des Deutschen  des 20. Juli 1944  solche Menschen. Alle kennen wir doch mindestens die Hauptpersonen, zum Beispiel Henning von Tresckow oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Sie waren Angehörige der Wehrmacht und beschlossen irgendwann Hitler zu töten. Die Bedeutung des militärischen Widerstands hat sich über die Jahre stark gewandelt und ist bis heute umstritten. Nach der totalen Niederlage galt er den deutschen als Möglichkeit die Soldaten der Wehrmacht, die sich mehrer, großer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat, wieder in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, als Zeichen für das “andere Deutschland”. Heute dienen Sie uns in der jährlichen Erinnerung als Vorbild für die Soldaten der Bundeswehr, für den “Staatsbürger in Uniform.” Andererseits hatten die Attentäter Hitler anfangs begrüßt und waren als hohe Militärs doch lange Zeit ein willfähriges Werkzeug des Hitlerregimes, weswegen die Erinnerung an sie in Teilen der deutschen Gesellschaft ebenfalls bis heute kritisch gesehen wird. Die besondere Größe der deutschen Verbrechen und die besonders negative Rolle, die überhöhter Nationalismus gespielt hat sind hier prägend, für die für unsere Erinnerung an den militärischen Widerstand.

Andere Nationen- andere Helden: und eine andere schwierige Erinnerung

Stepan Andrijowytsch Bandera ist ein Volksheld der Ukraine. Aber Bandera war Faschist. Er gehörte der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an. Als es 1940 zur Spaltung der Bewegung kam, übernahm Bandera die Führung des revolutionären und radikal antisemitischen Flügels der Bewegung, der dann auch nach ihm “Banderisten” genannt wurden. Die Banderisten kämpften an der Seite der Wehrmacht. Bandera wird eine moralische Verantwortung an der Erschießung von 3.000 Juden zur Last gelegt. Banderas Teil der OUN proklamierte am 30. Juni 1941 eine unabhängige Westkukraine. Stepan Bandera wird in der heutigen Westukraine zum Teil als Held verehrt. Im Osten der Ukraine und z.B. als Polen gilt er als Nazi. 

Für viele Deutsche scheint diese Heldenverehrung befremdlich, weil man einen NS- Kollaborateur und einen möglichen Judenmörder aus unserem historischen Verständnis kaum als Helden wahrnehmen kann. Doch wie ich bereits oben gezeigt habe, gibt es auch bei uns umstrittene Heldenfiguren. Bandera ist gewiss kein Held mit blütenweißer Weste. Aber seine Heldenverehrung ist aus der Geschichte der Ukraine heraus zu verstehen. Er kämpfte für einen ukrainischen Nationalstaat und gegen die sowjetische Macht, die durch den Holodomor die Verantwortung an vielen ukrainischen Toten trägt, die die nationale Erinnerung der Ukraine viel mehr beeinflussen als die Ermordung der Juden. Das scheint moralisch fragwürdig aus heutiger Zeit und aus deutscher Perspektive. Aus der ukrainischen Geschichte, die eine Geschicht des Leids ist, ist sie aber zumindest vielleicht verständlicher.

Neue Helden könnten alte ersetzen

Wenn der momentane Krieg in der Ukraine beendet sein wird, werden möglicherweise andere Nationalhelden möglicherweise den Platz Banderas einnehmen, Wolodomyr Selensky, der Geist von Kiew (die ukrainische Luftwaffe, die auch an Tag 60 des Krieges noch immer gegen die russischen Besatzer kämpft) und die vielen, vielen Ukrainer, die mutig und entschlossen nicht nur als Soldat an der Front, sondern in ganz vielen anderen militärischen und nicht militärischen Funktionen ihren Staat im Kampf gegen den russischen Aggressor unterstützen. 

2 Antworten

  1. Avatar von SoziDoc

    Gute Hintergrund-Information und ein Brückenschlag, der das einfache Gut-Böse-Schema überwindet. 🙏🏻

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    1. Avatar von derandersdenker

      Freut mich, dass Ihnen mein Artikel gefällt.

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