Leonard, M. (2021): The age of unpeace. How connectivity causes conflict
London: Penguin Randomhouse UK, 292 S., ISBN 9780552178273, € 11,89
Die Vernetzung durch Globalisierung wurde lange Zeit, als der Weg zu weltweitem Wohlstand gesehen. Das aber gerade in heutiger Zeit durch die weltweite Vernetzung und das Entstehen beträchtlicher Abhängigkeitsverhältnisse erhebliches Konfliktspotential entsteht, zeigt Mark Leonard, der Director des Think Tanks Council on European Foreign Relations, in seinem Buch “The age of unpeace. How connectivity causes conflict”. Diese Konflikte werden über zahlreiche Wege ausgetragen und kosten, trotzdem sie- mit bisheriger Ausnahme des Ukrainekriegs- unterhalb einer tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung ausgetragen werden, Menschenleben. Da die Aktualität dieses Buches – leider- durch den russischen Angriff auf die Ukraine – traurige Bestätigung in der Realität gefunden hat, hat Mark Leonard seine Veröffentlichung 2022 mit einem neuen Vorwort versehen, um auf diese Entwicklung einzugehen. Die Kernthese seines mit knapp 200 Seiten Text sehr konzisen Buchs lässt sich etwa wie folgt zusammenfassen: Wir leben in einer Zeit nie dagewesener internationaler Abhängigkeit und wachsendem Wettbewerb. Um die Gefahren zu beseitigen, die daraus entstehen, müssen wir die Abhängigkeiten verringern, Abhängigkeiten selektiv entkoppeln und die Übereinkunft in sich mehr und mehr polarisierenden Gesellschaften suchen.
Das Buch besteht nach einer Einführung und einem abschließenden Manifesto aus drei Teilen. Im ersten Teil befasst sich der Autor mit dem Wettkampf zwischen China und den USA. Beide Staaten, so die die These, würden sich in vielen Bereichen aneinander annähern. Während zum Beispiel die Chinesen durch Technik die freie Meinungsäußerung in Ihrem Land beschränken, so würde in den USA auch durch die Algorithmen von z.B. Facebook die Meinung gesteuert. Ebenso würden die USA China in verschiedenen Bereichen kopieren, z.B. Industrieplanung, Investitionsstopps und dem Datenaustausch. Leonard sieht hier die Gefahr, das aus dieser wachsenden Gleichheit und der zunehmenden Konnektivität ein wachsender Wettkampf mit Eskalationspotential wird.
Im zweiten Abschnitt beschäftigt er sich mit den Gründen für die wachsenden Probleme, die durch die immer größerer Verbindung zwischen den Menschen und Gesellschaften entstehen. Denn er geht unter anderem darauf ein, wie durch die wachsende Verbindung zwischen den Menschen verschiedener Nationen auch immer mehr Neid zwischen den Menschen entsteht. Ein Einwohner in Nigeria beispielsweise vergleicht sich nicht mehr wie früher mit seinem eigenen Nachbar, sondern sieht durch Social Media wie Menschen in Europa oder den USA leben und vergleicht sie mit diesen. Zudem zeigt Leonard, wie die Gesellschaften durch die Erreichbarkeit über Social Media und die Auswertung der Daten, die darüber gesammelt werden, immer weiter fragmentiert werden und teilweise, wie z.B. beim Brexit genutzt werden, um die Gesellschaften zu Entscheidungen zu beeinflussen, die zu Unfrieden führen. So wird die wachsende Verbundenheit sogar zu einem möglichen Spaltpilz und polarisiert Gesellschaften.
Er macht deutlich, wie diese Fragmentierung innerhalb der Gesellschaften auch zu mehr Wettbewerb und Konfrontation auf der Ebene einzelner Staaten gegeneinander führt. Denn anders als einst von liberalen Denkern wie Immanuel Kant behauptet und erhofft, führt ökonomische Abhängigkeit nicht gleich zu stabileren Verhältnissen und Frieden. Nicht jeder Staat profitiert in gleicher Weise von den ökonomischen Interdependenzen, was wiederum zu Spannungen führen kann. Je mehr ökonomische Verbindungen es demenstprechend zwischen Staaten gibt, je mehr mögliche Konfliktpotentiale gibt es auch.
Im dritten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit den Kriegern des “Age of Unpeace” und mit den Waffen mit denen diese kämpfen. Hier berichtet er beispielsweise davon, wie Erdogan Flüchtlinge zur Waffe macht, Putin mit seinen Botfabriken den amerikanischen Wahlkampf mit “Fake News” beeinflusst hat. Er zeigt auch das in dieser Welt die Netzwerke an Bedeutung gewinnen. Sie sind es heute, anders als früher die Hierarchien, mit deren Hilfe geopolitischen Konflikte ausgetragen werden.[1] Er glaubt, dass diejenigen mit den meisten Netzwerkverbindungen dieses Zeitalter bestimmen werden. Für ihn sind diese “Empires of Connectivity” die USA, die EU und China.
Den an Politik und an tagesaktuellen Geschehnissen interessierte Leser wird vieles was Mark Leonard in diesem Buch geschrieben hat, nicht überraschen. Auch seine Empfehlungen für die Zukunft sind sehr logische und nachvollziehbare Argumente. Das Verdienst des Autors ist es aber, dass er mit diesem Buch auf die Dringlichkeit aufmerksam macht, sich den Problemen, die aus der zu großen internationalen Abhängigkeit entstanden sind, zu stellen. Der Krieg in der Ukraine unterstreicht dies in eindrucksvoller Weise.
[1] das prognostiziert auch Masala. C. (2016). Weltunordnung, München 2016. C.H. Beck.
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